Co Wicklow

Franziska Stotz
aus Karlsruhe

Stadt/Land:
Co Wicklow, Ireland

Aufnahmeorganisation:
Holy Redeemer Youth Centre

Projekttitel, Projektnummer:
HR Youth Centre, 2008-IE-20

Bereich, Dienstzeit:
Youth Centre, Youthwork, 27.09.2010 – 27.07.2011

Projekt:
Coming Soon

 

Es stellt sich als gar nicht so einfach heraus, fünf Monate im Ausland in einen Text zu quetschen und die wichtigsten Erlebnisse herauszufiltern – doch ich möchte hier trotzdem versuchen, einen kleinen Einblick in meine Erfahrung mit dem Europäischen Freiwilligendienst zu geben.

Seit Oktober befinde ich mich in Irland, genauer gesagt in der kleinen Küstenstadt Bray, welche eine knappe Autostunde von der Hauptstadt Dublin entfernt liegt. Anders als die meisten „EVS’ler“, die ich hier kennengelernt habe, wohne ich nicht in einer WG sondern in einer Gastfamilie zusammen mit einer weiteren Deutschen, Hanna, mit der ich auch zusammen arbeite. Wir absolvieren unseren Freiwilligendienst in einem Jugendhaus, das relativ unkonventionell und modern ist und von Dermot O’Brien geleitet wird, der sich schon von Anfang an als unglaublich toleranter und jugendlicher Chef herausgestellt hat. Er ist auf jeden Fall einer der großen, großen Pluspunkte meines Freiwilligendienstes, denn er hat sich mit Leib und Seele dieser Arbeit verschrieben. Er gibt jedem Menschen das Gefühl, dass er ihn ernst nimmt…und ich muss einen freien Tag nicht groß beantragen, sondern bekomme auf meine Frage hin meist ein freundliches „No probs“ zu hören – ebenso bei Verspätungen am Morgen, früherem Beenden des Arbeitstages sowie anderen Bitten!

Auch hier unterscheidet sich meine Situation deutlich von der anderer Freiwilliger! Das Jugendzentrum hat immer erst ab „lunchtime“ geöffnet und schließt abends um 18 Uhr wieder. Trotzdem kommen Hanna und ich immer schon um 11 Uhr, um mit Dermot zu plaudern, zu diskutieren, zu organisieren, zu planen, Kaffee zu trinken und viel Unsinn zu treiben. Weiterhin gibt es im Zentrum noch viele andere sogenannte „leader“, die alle selbst als Kinder hier waren und nun organisatorische Aufgaben übernehmen, sich neue Aktivitäten ausdenken oder einfach nur auf der großen Couch im Zentrum herumzusitzen, sich unterhalten und essen. Zu den meisten dieser Leute haben Hanna und ich eine sehr gute Beziehung aufgebaut und es macht ungeheuer viel Spaß, auf Englisch auch leichte Konversation zu führen und Witze zu machen, und wenn man nicht schüchtern ist, wird man auch relativ leicht Teil dieses Freundeskreises und hat somit schon ein paar Menschen mehr, mit denen man auch in der Freizeit mal etwas unternehmen kann.

Die Arbeit an sich kann ich nicht wirklich pauschal beurteilen, da sie mir hin und wieder ungeheuer auf die Nerven geht, (glücklicherweise) aber öfter großen Spaß macht. Dies liegt an den Strukturen des Zentrums und in der Natur der Jugendarbeit, denn die negative Seite besteht schlicht aus Unterforderung. Es gibt hier nun mal nicht ununterbrochen etwas zu tun, und häufig besteht die Herausforderung eher darin, sich aktiv Arbeit zu suchen. Mit diesem Zustand hatte ich vorher gar nicht gerechnet und es war nicht leicht, damit umzugehen, vor allem, da man erst einmal seine Hemmungen überwinden muss, wenn man auf die Kinder zugehen und sie nach einer Partie Billiarde oder „4 gewinnt“ fragen will. Die positive Seite stellt sich deshalb aber umso intensiver ein, wenn man sich ein Arbeitsfeld „erobert“ und dabei Erfolg gehabt hat. Ich zum Beispiel habe ein Magazin für das Jugendhaus gegründet, und eine kleine Gruppe von Kindern hat sich bereit erklärt, daran mitzuwirken. Wir treffen uns spontan, sobald es Dinge zu bereden gibt, und ich war schon häufig sehr beeindruckt davon, wie kreativ und ehrgeizig die Kids sind, wenn sie erst einmal eine Idee verfolgen.

Zum Thema beeindruckender Kinder oder eher Jugendlicher fällt mir aber vor allem die Rap Band ein, die drei Jungs aus dem Zentrum gegründet haben und die ich seit kurzem unterstütze. „Frontrunners“ nennen sie sich und waren schon mehrere Male im Studio, um ihre Musik aufzunehmen und eine richtige CD zu produzieren. Auch der Hinterraum des Jugendzentrums muss seit der Gründung der Band als Übungsraum und Studio herhalten. Als ich ihnen anbot, ihnen bei der Organisation und der Werbung unter die Arme zu greifen, waren sie hellauf begeistert und ich vollkommen gerührt, als sie sich ungewöhnlich nett und dankbar für Jungs auf dem Gipfel der Pubertät zeigten. In den kommenden Tagen durfte ich ihnen sogar beim Aufnehmen zuhören und schoss einige Fotos, die man schon bald in meinem EVS-Video sehen können wird. Da ich von Rap-Musik herzlich wenig Ahnung habe und auch sonst wahrlich keine gute Managerin abgebe, beschloss ich schon bald, den Jungs mit den Mitteln zu helfen, die mir zu Verfügung stehen: Meine Erfahrung und mein Interesse am Journalismus. Ich schrieb also einen Artikel über die Band, nachdem ich sie kurz interviewt hatte und ging dann zur „Wicklow Times“, um eine Journalistin um die Veröffentlichung des Textes zu bitten. Erstaunlicherweise schien das gar kein Problem zu sein und sie bot mir sogar an, bald einen Fotografen vorbeizuschicken, der die Band knipsen sollte, damit in der nächsten Ausgabe nicht nur mein Artikel sondern ebenfalls ein professionelles Foto erscheinen könne. Als ich nach dem Gespräch mit der Frau völlig aufgeregt ins Zentrum zurückkam und die Nachricht verkündete, freute sich mein Chef riesig und die Jungs konnten trotz ihrer nie verfliegenden Coolness zeigen, wie dankbar sie mir waren – und ich hatte das Gefühl, nur durch Eigeninitiative etwas richtig Gutes erreicht zu haben.

Über die Arbeit gäbe es natürlich noch allerlei zu berichten, doch was auch nicht vernachlässigt werden darf, sind die Freundschaften zu anderen „EVS’lern“, wie man sich als solcher hier selbst bezeichnet. In Dublin habe ich beim On-Arrival-Training einige fantastische Menschen kennengelernt, zu denen ich über die fünf Monate engen Kontakt hielt und immer noch halte. Vor allem zu einer anderen Deutschen, die in Dublin selbst ihren Freiwilligendienst leistet, habe ich eine sehr enge Freundschaft geknüpft und ich kann wirklich sagen, dass sich der Freiwilligendienst schon alleine ihretwegen gelohnt hat. Natürlich fragen mich viele Menschen, was ich denn nun „im Ausland gelernt“ habe, denn es ist wohl nicht von der Hand zu weisen, dass heutzutage fast jeder nach der Schule „ins Ausland geht“ und ein ungeheurer Boom in Sachen Freiwilligendienste herrscht, und ich hatte etwa in der Mitte meiner Zeit hier eine Phase, in der ich sehr intensiv über das „Warum“ nachgedacht habe.

Ich persönlich kann nun zumindest sagen, dass all die Menschen, die von Dingen wie „Selbstverwirklichung“ sprechen und die sagen, sie würden erst einmal für ein paar Monate ins Ausland gehen, um danach zu wissen, was sie wollen, das Ganze nicht ganz realistisch sehen. Denn das ist es nicht, was man findet, wenn man einige Monate in einem anderen Land verbringt. Die Person, die man vorher schon war, hat man trotzdem noch weiterhin dabei. Was sich viel eher ändert, ist die Wahrnehmung der verschiedenen Lebensstile in verschiedenen Ländern, und man beurteilt das eigene Land auch völlig neu. Ich habe festgestellt, dass Deutschland unendlich viele Vorteile hat und wahnsinnig bequem ist, und dass wir sehr froh sein müssen, manche Probleme gar nicht zu haben – und ich rede nicht mal von Problemen, die wir immer mit fernen Orten wie Afrika und Asien assoziieren. Schon alleine in Irland, von dem man ja wie bei fast allen europäischen Ländern denkt, dass die Unterschiede zu Deutschland ja nicht so groß sein können, herrschen völlig andere Maßstäbe im Alltagsleben als bei uns. Ich habe gelernt, wie schwierig das Leben auch in Ländern sein kann, die in Relation zu gemeinhin als arm bekannten Ländern doch eigentlich noch wohlhabend sind. Nicht zuletzt ist vielleicht auch der Zeitpunkt ein interessanter gewesen, da die Wirtschaftskrise in Irland tiefe Spuren hinterlassen hat und ich sogar den großen Parlamentswahlen beiwohnen durfte. Ich habe dieses Land also in einer wirklich wichtigen Zeit kennengelernt und mich mit mir bisher nicht so bewusst gewesenen Problemen und positiven Erfahrungen und Begegnungen auseinandersetzen dürfen, dafür bin ich sehr dankbar. Ich möchte meiner Entsendeorganisation deshalb sagen, dass ich diese Chance mit allen Sinnen genutzt und in mich aufgenommen habe und dass ich ihr für die Unterstützung danke!

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